Warum einige wachsen

Warum fast alle schrumpfen, aber einige wachsen

Lernerfahrungen aus erfolgreichen Gemeinden in England und den USA

Referat bei der Tagung „Seelsorge(t)räume“ – Wege der Innovation in der Kirche

Bildungshaus St. Virgil, Salzburg 20./21.9.2016

 

Auf feinschwarz.net las ich unlängst die Warnung: Nicht in Idyllen flüchten! Mein Doktorvater Rainer Bucher sagt da: Es geht für die deutschsprachige katholische Kirche um nichts weniger, als um die Suche „nach Wegen, in den Ruinen zerbrochener Machtsysteme zu wohnen“ (Zitat Johannes Hoff). Er wolle damit nicht sagen, dass alles in Ruinen liege, aber sehr wohl die Strukturen der Macht, die konstantinische Formatierung von Kirche, die sei endgültig am Ende. Anknüpfend an den weithin bekannt gewordenen Abschiedsbrief von Pfarrer Frings aus Münster desillusioniert Bucher aber alle, die glauben, in die Idylle flüchten zu können, sei es die traditionalistische, die gemeindekirchliche oder die bewegungskirchliche Idylle. Kirche der Zukunft kann und wird nicht die Kirche der Vergangenheit sein. Sie kann und muss eine innovative Kirche ein, also eine, die Altes und Neues so konfrontiert, dass heutige Menschen aller Milieus eine Ahnung von Reich Gottes bekommen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich möchte zunächst ganz einfach und menschlich sagen, dass ich mich sehr über die Einladung gefreut habe, bei dieser Tagung ein Referat zu halten. Für mich ist das ein aufmerksames Zeichen der Wertschätzung, auch für meine Entscheidung, mit der Gründung von PASTORALINNOVATION einen neuen Weg zu gehen. Dieser war und ist ja nicht nur für viele WegbegleiterInnen, sondern auch für mich selber mit vielen Fragezeichen verbunden.

Folgende Überzeugungen sind für mich aber in jedem Fall relevant und ich möchte sie daher am Beginn meines Referates offenlegen:

  • Innovation ist ein MUST
  • Innovation ist zutiefst theologisch begründet – als energetisches Wirken des Geistes
  • Jeder und jede ist berufen und befähigt, innovativ zu wirken
  • Innovieren kann man lernen – wie ein gutes Handwerk und eine seriöse Wissenschaft

Ich selber möchte meine ganze Kraft dafür einsetzen, dass immer mehr geistbewegte Menschen ihre Potentiale entdecken, an einer innovativen Kirche zu bauen. Einer Kirche, die so faszinierend lebt und wirkt, dass Menschen aus allen Milieus und Hintergründen aufbrechen, weil sie davon hören und unbedingt dabei sein wollen. (vgl. Markus 3, 6-8)

Handlungsleitend sind daher folgende Fragen, die meines Erachtens auch zum Thema dieser Tagung gewählt wurden:

  • Wie kann lebendige und lebensnahe Kirche jenseits der Flucht in Idyllen gelingen?
  • Welche Beispiele gibt es dafür?
    • Warum macht dabei ein Fokus auf die „westliche Welt“ Sinn?
    • Heute: Fokus auf die Catholic Church of the Nativity, Baltimore
  • Kann und soll Kirche wachsen und wenn ja, wie?
  • Welche Kriterien für Wachstum passen zu Kirche?
  • Lassen sich diese generalisieren und systematisieren? Kann man diese „lernen“?
  • Wie korrelieren diese Erkenntnisse mit moderner Innovationsforschung?

 

Im Folgenden werde ich auf diese Fragen als Praktiker eingehen, der aber versucht, in konstruktivem Austausch mit theologischer Forschung und auch mit nichtkirchlichen Handlungsfeldern weiter zu lernen. Die wachsende Beziehung zum ZAP-Bochum erlebe ich da sehr bereichernd und ich freue mich, dass Florian Sobetzky hier ist!

F. Michael White

Meine Gedanken verstehen sich als Impulse für einen fruchtbaren Dialog auf Augenhöhe, weil ja in dieser Runde jede und jeder intensive Erfahrungen, Meinungen und Fragen einbringen kann. So können wir einander stärken, bereichern und inspirieren. Das ist ja einerseits dringend geboten, wenn wir die Rede von den Ruinen und die zunehmenden Krisenphänomene jenseits von Schönfärberei oder Schlechtrederei wirklich ernstnehmen wollen. Andererseits tun wir mit so einem Dialog etwas, was erfolgreiche Kirchen auszeichnet und an dieser Stelle als EIN ERSTES Kriterium für gesundes Wachstum benannt werden kann. Father Michael White von der Church of the Nativity betont immer: Alles hat damit begonnen, dass wir bereit waren, von anderen zu lernen!

Damit sind wir schon bei dem Beispiel, auf das ich mich heute konzentrieren möchte. Aufmerksam wurde ich auf die Pfarre Nativity, weil sie ihre Erfahrungen im Buch REBUILT veröffentlicht hat. Mittlerweile gibt es vier Bücher, Ansichtsexemplare liegen auf. Das erste konnten wir heuer auf Deutsch herausbringen und es stößt erfreulicherweise im ganzen deutschsprachigen Raum auf Interesse.

Auf meinen Kundschafterreisen v.a. in der westlichen Welt fand ich unabhängig von Konfession, Kultur, Milieu oder Stadt/Land einige wenige Kirchen, denen es gelungen ist, den ständigen Rückgang zu stoppen und wieder zu wachsen. Ich versuchte mich auf diejenigen zu konzentrieren, die gesund wachsen, die also theologischen und ethischen Kriterien genügen, z.B. die menschliche Freiheit respektieren, Manipulation und Fundamentalismus vermeiden und die sich nicht selbst genügen, sondern ihre Sendung als Dienst für die ganze Gesellschaft begreifen … und wo Wachstum eine klare Zielsetzung hat: Reiche Frucht zu bringen, 30-, 60-, ja hundertfach! Qualitativ geht es ihnen um Früchte des Geistes wie Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung – eine von mehreren biblischen Auflistungen, hier durch Paulus im Galaterbrief. Konkretisiert werden diese Früchte ja bereits in vielen prophetischen und weisheitlichen Texten des Alten Testaments, in den Seligpreisungen und vielen anderen Worten und Taten geistbewegter Männer und Frauen.

Strategisch geht es um Wirkungen – nach innen und nach außen. Nach innen, indem sie den Verkündigungsauftrag radikal ernstnehmen und jedes Mitglied herausfordern, einen Weg zu beschreiten, der biblisch „Jüngerschaft“ genannt wird. Bemerkung am Rande: ich bin mir nicht sicher, ob wir in der Rezeption dieses Begriffs im deutschsprachigen Kontext nicht behutsamer werden müssen, um unnötige Widerstände zu vermeiden. Selbiges gilt wohl auch für den Begriff Mission. Nicht jeder Vorbehalt gegen diese Begriffe darf als Widerstand gegen Veränderung und Erneuerung gewertet werden. Und es geht um Wirkungen nach außen, weil sie das „wozu?“ von Kirche erlebbar machen. Kirche als Zeichen und Werkzeug für die Liebe Gottes und die Einheit der Menschen, das wollen gesunde Pfarren in die ganze Welt tragen, in alle Dimensionen des Menschseins und damit weit über eine binnenfixierte Gemeindeidylle hinaus. Sie fokussieren auf eine echte missionarische Erneuerung, wie sie Papst Franziskus in EVANGELLI GAUDIUM programmatisch beschreibt und fordert.

Ein Tipp: Im Anhang C von REBUILT ist das Wichtigste auf drei Seiten zusammengefasst, für alle, die mit ihrem Lesepensum haushalten müssen.

 

Bei den bisherigen Besuchen in Nativity, zuletzt mit einer Gruppe aus Salzburg, demnächst mit KollegInnen aus Graz, Wien und Deutschland – einer sitzt auch unter uns – durften wir ein Stück in ihre Welt eintauchen. Der Dreischritt „erleben – reflektieren – kontextualisieren“ schafft Raum für eine konstruktiv- kritische Erfahrung, die hilft, zu Hause die notwendigen Veränderungen visionär und strategisch zu gestalten. Denn eines wird auch vor Ort sicht- und spürbar:

  • Diese InnovatorInnen sind nicht auf Quantitäten fixiert, sondern setzen radikal auf Qualität.
  • Sie verbinden eine zündende Vision mit einer realistischen und attraktiven Strategie.

 

Nativity und andere wachsende Kirchengemeinden sind bei Gott nicht perfekt, auch wenn sie ein enormes Bestreben eint, ihr Bestes zu geben und nicht mit Mittelmaß zufrieden zu sein. Es ist eindeutig ein überdurchschnittliches Maß an „excellence“ zu beobachten, angefangen vom Schaukasten über Musik, Predigt, Atmosphäre oder Sakramente, Personalmanagement und Weiterbildung. Es gibt aber auch durchaus mangelhafte, merkwürdige oder kontraproduktive Aspekte wie in jeder der vielen Pfarren, mit denen ich durch meine Arbeit in Kontakt komme.

 

Was innovative Gemeinden aller Couleurs bei aller Buntheit eint, und damit komme ich wieder auf Bucher zurück: Sie haben verstanden, dass die „eigene, als wertvoll und wichtig erfahrene Kirche für die meisten Menschen dieser Gesellschaft offenkundig keine mögliche Kirche ist, und es aussichtslos ist, dies ändern zu wollen. Man wird dann immer nur jene erreichen, die ungefähr so sind oder werden wollen, wie jene, die noch in kirchlichen Zusammenhängen anzutreffen sind, und deshalb diese, in sich zudem differenten Sehnsüchte teilen.“ (Bucher) Beeindruckend ist die konsequente Ausrichtung auf die Menschen, die nicht oder nur selten da sind!

 

Das Erleben von Nativity und anderer wachsender Kirchen führte mich zu einer weiteren These: Ob bewusst oder unbewusst: Sie verwirklichen, woran es liegt, ob eine Gemeinde wächst oder schrumpft, lebt oder stirbt, fruchtbar ist oder nicht. Sie handeln nach zeit- und kulturübergreifenden Prinzipien von gesundem Wachstum, wie sie z.B. von der NATÜRLICHEN GEMEINDEENTWICKLUNG so beschrieben werden:

  • Bevollmächtigende Leitung
  • Gabenorientierte Mitarbeiterschaft
  • Leidenschaftliche Spiritualität
  • Zweckmäßige Strukturen
  • Inspirierende Gottesdienste
  • Ganzheitliche Kleingruppen
  • Bedürfnisorientierte Evangelisation
  • Liebevolle Beziehungen

Es gibt verschiedene Kategorisierungen, um auf den Punkt zu bringen, woran es liegt und woran nicht, wichtig ist: Diese Prinzipien gelten überall, müssen aber konsequent auf die jeweiligen Kontexte adaptiert und angewandt werden.

Der Fokus auf diese Merkmale führt umgekehrt zu einer Abkehr von Aktivitäten und Schwerpunkten, die vielleicht maximal „nice to have“ sind, aber nicht relevant für die strategische Zielsetzung pastoralen Wachstums. Es wird also immer wieder ausgemistet, gekürzt und beendet. Selbstverständlich in absoluter Harmonie und einstimmig … Spaß beiseite: Konflikte sind natürlich vorprogrammiert und sich darauf einzustellen ist ein wesentlicher Punkt, ob es gelingt, jenen „Grid“, also Zähigkeit zu entwickeln, die nach Bill Hybels und vielen profanen Autoren ein Hauptfaktor für dauerhaften und nachhaltigen Erfolg ist.

 

Bekanntlich gibt es erste Prototypen von Pfarrprogrammen, wo wir Erfahrungen wie z.B. von Nativity auf unsere Wirklichkeit anwenden. Diese Programme werden nun intensiv evaluiert, qualifiziert und breiter angeboten.

 

Daher möchte ich noch ein kleines, fast banales Beispiel präsentieren, wie da gearbeitet wird. In Nativity wurden Leute befragt, die nur ab und zu in die Kirche kommen, warum sie nicht öfter kommen: Hier sind die Antworten:

Die Messe hat nicht pünktlich begonnen – ich konnte keinen Sitzplatz finden – es gab keinen Platz für Kinder – vieles wirkte schmutzig und unaufgeräumt – die Verlautbarungen dauerten zu lang und waren für mich bedeutungslos – keine Beschilderung – die Musik war schlecht – die Insider waren unfreundlich

Soviel zum Argument „Was willst du mit den USA – bei uns ist ja alles ganz anders!“ …. Genau diese Aussagen sind auch bei uns vielfach zu hören. Ob man solche Mängel verbessert oder nicht, liegt weder am Papst, Bischof oder Pastoralamt, auch nicht am täglichen Gebetspensum oder an exorbitanten Finanzen.

Abschließend möchte ich uns allen den Mund wässrig machen für unseren Austausch und einige Thesen zur Diskussion stellen:

  • Keine faulen Ausreden mehr: Das Meiste ist erlernbar – wie gutes Handwerk
  • Es braucht weder Superstars noch Wunderwuzzis – jeder und jede kann innovativ sein!
  • Entscheidend ist „Orchester statt Einzelplayer“ – die paulinische Leibmetapher ist topaktuell!
  • Nicht immer bei Adam und Eva anfangen: Phasen von Innovation sind gut erforscht! Ein klares Plädoyer für übergreifende, uneitle und nichthierarchische Vernetzungen
  • Innovationen sind „erfolgreich umgesetzte gute Ideen“ – an den Früchten werdet ihr sie erkennen! Mit dem gleichen Aufwand, mit den gleichen Mitteln und v.a. mit den gleichen Menschen sind wesentlich mehr Früchte möglich!
  • Ja zum Scheitern – Kühnheit und Demut statt Feigheit und Übermut
  • Wider dem „eh schon“: Experimentierfreude statt „more of the same“ – und dann dranbleiben und üben!
  • Diskrepanzen wahrnehmen und ehrlicher bearbeiten („wir sind für alle offen …“)
  • Treibt die Dämonen aus! Die eigenen Motive ehrlich anschauen und im Lichte des Evangeliums weiterentwickeln – wer befreit ist, kann befrein!
  • Groß denken: von sich, von anderen Menschen und von Gott

Danke und einen guten Geist in allem, was Sie bewegt und was Sie bewegen wollen!

pfinXten_2016-332Dr. Georg Plank, www.pastoralinnovation.at